Rundschlinge, Hebeband, Kettengehänge: Was welches Anschlagmittel kann

Von Tobias Schott  ·  Lesezeit ca. 8 Minuten  ·  Stand: Oktober 2026

Gehänge aus Rundschlingen an den aufgeschweißten Anschlagpunkten des Dieseltanks
Rundschlingen und Schäkel an den aufgeschweißten Anschlagpunkten eines Dieseltanks – das Gehänge entscheidet, wie die Last am Haken hängt.

Rundschlinge, Hebeband, Kettengehänge und Anschlagseil verbinden die Last mit dem Kranhaken, und jedes dieser Anschlagmittel hat eine Stärke, eine Schwäche und eine Grenze, die auf dem Etikett steht. Wer eine Hebearbeit beauftragt oder begleitet, sieht sie bei jedem Hub: die Rundschlinge in Signalfarbe, das flache Hebeband, das Kettengehänge mit seinen Haken. In der Ausschreibung heißen sie Anschlagmittel, auf der Baustelle „die Schlinge“ oder „die Kette“.

Dieser Beitrag erklärt, wie jedes dieser Mittel aufgebaut ist, was die Kennzeichnung bedeutet und warum ein Anschlagmittel je nach Anschlagart unterschiedlich viel trägt. Die Auswahl für Ihre Last steht im Ratgeber zu Anschlagmitteln für schwere Lasten – die wiederholen wir hier nicht.

Was ist eine Rundschlinge – und was unterscheidet sie von Hebeband und Kette?

Eine Rundschlinge ist ein endlos gewickelter Strang aus Polyestergarn in einem Schutzschlauch, der als geschlossene Schlaufe um die Last oder in den Haken gelegt wird. Das Hebeband ist dagegen ein flach gewebtes Band mit verstärkten Schlaufen an beiden Enden. Das Kettengehänge besteht aus einem Aufhängering, einem bis vier Kettensträngen und Haken oder Verbindungsteilen am Ende.

Im Englischen heißt die Rundschlinge „round sling“, das Hebeband „webbing sling“ und das Kettengehänge „chain sling“. Alle drei sind Anschlagmittel – lösbare Verbindungen zwischen Tragmittel, also dem Kranhaken, und Last.

Steckbrief

Kabeltrommel am Kettengehänge eines Reachstackers im Hafen Aschaffenburg
Kettengehänge am Spreader: Wo Stahl auf Stahl trifft und die Kanten scharf sind, hängt die Last an der Kette.

Wie sind Rundschlinge, Hebeband, Kettengehänge und Seil aufgebaut?

Jedes Anschlagmittel trägt auf eine andere Weise, und daraus folgen seine Stärken und Schwächen. Die Rundschlinge trägt mit vielen parallelen Garnlagen im Inneren; der Schutzschlauch trägt nicht mit. Tritt der Kern aus dem Schlauch heraus, ist die Schlinge ablegereif.

Das Hebeband ist ein- oder mehrlagig gewebt und hat an den Enden vernähte Schlaufen. Es liegt breit an und verteilt den Druck auf eine größere Fläche, ist aber empfindlich gegen Kanten in Längsrichtung und Verdrehen im Haken.

Das Kettengehänge besteht aus Rundstahlketten der Güteklasse 8 nach DIN EN 818. Am Aufhängering hängen ein bis vier Stränge, am Ende sitzen Haken, oft mit Verkürzungsklauen. Mit der Klaue lässt sich ein Strang Glied für Glied verkürzen – so richten wir eine Last mit außermittigem Schwerpunkt waagerecht aus.

Das Anschlagseil ist ein Drahtseil mit Schlaufen aus Pressklemmen oder Spleiß. Es ist kantenfester als das Band und leichter als die Kette, aber empfindlich gegen Knicke und enge Biegeradien. Der Schäkel ist kein Anschlagmittel, sondern das Verbindungsteil: ein Bügel mit Bolzen zwischen Schlinge und Anschlagpunkt, gerade als D-Schäkel oder geweitet als Bügelschäkel für Rundschlingen.

AnschlagmittelStärkeSchwächeTypischer Einsatz
RundschlingeLeicht, flexibel, schont beschichtete Oberflächen; Tragfähigkeit an der Farbe erkennbar.Scharfe Kanten, Hitze, Chemikalien; Kern unsichtbar.Lackierte Maschinen, Behälter, Anschlagpunkte mit Schäkel.
HebebandBreite Auflage, geringe Flächenpressung; gut im Hängegang um glatte Lasten.Kanten in Bandrichtung, Verdrehen, UV-Alterung.Rohre, Behälter, verpackte Maschinen.
KettengehängeKantenfest, hitzefest, verkürzbar; Tragfähigkeit auch bei rauer Baustellenpraxis stabil.Schwer, laut, hinterlässt Druckstellen auf Lack und Beschichtung.Stahlbauteile, Kabeltrommeln, Container an festen Ösen.
AnschlagseilKantenfester als Textil, leichter als Kette, hohe Festigkeit bei kleinem Durchmesser.Knicke, enge Biegeradien, Drahtbrüche; nicht verkürzbar.Lange Lasten, Traversen, Dauereinsatz am Kranhaken.

Was sagt die Kennzeichnung – Etikett, Anhänger und Farbcode?

Die Kennzeichnung ist das Dokument des Anschlagmittels: Ohne Etikett oder Anhänger gibt es keine zulässige Tragfähigkeit, und das Mittel darf nicht eingesetzt werden. Bei Textil ist das Etikett eingenäht, bei Kettengehänge und Anschlagseil hängt ein Anhänger am Aufhängering.

Darauf stehen die Tragfähigkeit je Anschlagart, der Werkstoff, die Norm, der Hersteller, eine Rückverfolgungsnummer und das CE-Zeichen. Bei Ketten kommen Güteklasse, Strangzahl und der zulässige Neigungswinkel dazu; das Prüfdatum tragen viele Betriebe mit Plakette nach.

Die Farbe einer Rundschlinge nennt die Tragfähigkeit im direkten Anschlag, und zwar nach einem festen System der Norm:

Farbe der RundschlingeTragfähigkeit im direkten Anschlag
Violett1 Tonne.
Grün2 Tonnen.
Gelb3 Tonnen.
Grau4 Tonnen.
Rot5 Tonnen.
Braun6 Tonnen.
Blau8 Tonnen.
Orange10 Tonnen.

Oberhalb von zehn Tonnen bleibt die Farbe Orange, die Tragfähigkeit steht dann nur auf dem Etikett. Das Etikett ist bei Textilmitteln ebenfalls farbig: Blau steht für Polyester, Grün für Polyamid, Braun für Polypropylen.

Warum trägt dieselbe Rundschlinge einmal eine und einmal zwei Tonnen?

Erklärgrafik: Anschlagart und Neigungswinkel bei Rundschlinge und Kettengehänge mit den Belastungsfaktoren 1, 0,8, 2 und 1,4
Dieselbe Rundschlinge, vier Tragfähigkeiten: Die Anschlagart und der Winkel der Stränge bestimmen, was am Haken erlaubt ist. Grafik: Omega Mounting

Die Tragfähigkeit auf dem Etikett gilt für den direkten, senkrechten Anschlag, und jede andere Anschlagart verändert sie über einen festen Faktor. Im Schnürgang – die Schlinge wird durch die eigene Schlaufe gezogen – bleiben 80 % der Tragfähigkeit. Im Hängegang, also U-förmig unter der Last mit beiden Enden im Haken, trägt dieselbe Schlinge das Doppelte.

Dazu kommt der Neigungswinkel. Hängen zwei Stränge schräg, wächst die Kraft in jedem Strang mit dem Winkel zur Senkrechten. Die Belastungsfaktoren dafür stehen in der DGUV Information 209-021 für Anschläger: zweisträngig bis 45 Grad 1,4, zwischen 45 und 60 Grad nur noch 1,0; drei- und viersträngig 2,1 beziehungsweise 1,5. Ein viersträngiges Gehänge wird wie ein dreisträngiges gerechnet, weil selten alle vier Stränge gleich tragen. Über 60 Grad ist Anschlagen unzulässig.

Für die Praxis heißt das: Ein flaches, breites Gehänge sieht harmlos aus und ist die gefährlichere Variante. Ein steiles Gehänge braucht Hubhöhe – fehlt sie, kommt die Traverse ins Spiel, ein Balken, der die Stränge senkrecht stellt. Das Verhältnis zwischen Bruchkraft und Tragfähigkeit ist je Werkstoff anders festgelegt: Textil mit Sicherheitsfaktor 7, Seil mit 5, Kette mit 4. Deshalb ist eine Rundschlinge für zehn Tonnen so dick und eine Kette so schmal.

Wann ist ein Anschlagmittel ablegereif – und wer entscheidet das?

Ablegereif ist ein Anschlagmittel, sobald ein Schaden die Tragfähigkeit mindern könnte, und das entscheidet zuerst der Anschläger bei der Sichtprüfung vor dem Hub. Bei Textil sind das Schnitte, Scheuerstellen, angeschmolzene Stellen, Knoten und ein freiliegender Kern. Bei Ketten gelten klare Grenzen: mehr als 5 % Längung eines Strangs oder mehr als 10 % Aufweitung des Hakenmauls. Beim Seil zählen Drahtbrüche, Korbbildung, Knicke und Rost.

Die zweite Instanz ist die befähigte Person, die das Mittel mindestens einmal jährlich prüft und das Ergebnis dokumentiert. Eine Kette durchläuft zusätzlich in längeren Abständen eine Rissprüfung, weil Haarrisse mit dem Auge nicht zu sehen sind. Ein Anschlagmittel ohne lesbares Etikett gehört aus dem Umlauf, auch wenn es neu aussieht. Das ist keine Rechtsberatung, sondern die Regel auf jeder Baustelle.

Der Kantenschutz verhindert Ablegereife: Eine Kante mit kleinem Radius schneidet Textil unter Last, und die Schnittkraft steigt mit dem Schrägzug. Schutzschläuche, Kantenschoner und Holzunterlagen verteilen die Kraft. Die Kette ist selbst kantenfest, schützt die Last aber nicht – dort gehört Holz zwischen Stahl und Lack.

Worauf wir achten

Unsere Monteure prüfen jedes Anschlagmittel zweimal: beim Verladen im Fahrzeug und am Haken.

Wo wir das einsetzen

Bei uns im Rhein-Main-Gebiet hängt fast jeder Hub an einer dieser Verbindungen. Beim Einsetzen von fünf Dieseltanks in Raunheim griff ein Gehänge aus Rundschlingen und Schäkeln an vier aufgeschweißten Anschlagpunkten jedes rund 16 Tonnen schweren Tanks an – eine Rundschlinge um den Mantel war wegen der Beschichtung keine Option. Beim Einbringen von Notstromgeneratoren wählen wir an scharfen Kanten Ketten statt Rundschlingen. Eine rund 22 Tonnen schwere Kabeltrommel im Hafen Aschaffenburg hing am Kettengehänge am Spreader des Umschlaggeräts. Diese Hübe planen und führen wir im Rahmen von Lift & Shift; welches Mittel mit welcher Tragfähigkeit zum Einsatz kommt, legt die verantwortliche Person für Hebearbeiten vorher fest.

Mehr Wissenswertes

Wissenswertes

das Tragmittel, an dem jedes Anschlagmittel hängt.

Wissenswertes

das Hebezeug für Innenräume, bei dem jede Hubhöhe für das Gehänge zählt.

Ratgeber

der Ratgeber zur Auswahl, wenn Sie vor der Entscheidung stehen.

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Tobias Schott, Geschäftsführer der Omega Mounting GmbH, auf einer Baustelle vor einem Gerüst

Über den Autor

Tobias Schott

Geschäftsführer Omega Mounting GmbH, Rodgau · über 20 Jahre Praxis in Montage und Instandhaltung

Gelernter Mechatroniker und seit 2004 in Wartung, Instandhaltung und Industriemontage zu Hause – zuerst an der Seite seines Vaters, seit 2012 mit Omega Mounting: von der Elektrohängebahn in Frankfurt bis zur Krananlage im Hallenneubau. Plant und leitet als Lifting Appointed Person Hebearbeiten in Rechenzentren und auf Industriebaustellen im Rhein-Main-Gebiet, ist Ausbilder und Prüfer für Krane, Hubarbeitsbühnen und Teleskopmaschinen sowie Sicherheitsbeauftragter. Bei Einsätzen im Ausland kennt man ihn als „German Troubleshooter“ – der, den man ruft, wenn es auf der Baustelle klemmt. Was Qualität heißt, hat er nicht aus einem Handbuch, sondern von seinem Vater gelernt: Made in Germany als Anspruch an die eigene Arbeit, nicht als Etikett. Deshalb steht sie bei Omega Mounting an erster Stelle – vor Tempo und vor Preis. Die Wissenswertes-Beiträge erklären das Gerät und die Technik, mit der sein Team täglich arbeitet: Was auf unseren Baustellen zählt, steht drin – was nur im Prospekt steht, nicht.

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